Ansichten eines Unverbesserlichen

In der Küche, oder "Das genormte Ei"

Nun bin ich ja ein leidenschaftlicher Koch und Bäcker. Und in dieser Eigenschaft liegt mein größtes Problem in der Interpretation von Rezepten. Richte ich mich genau nach dem Rezept, wendet sich sogar mein Hund angewidert von dem Ergebnis meiner Produktion ab. Es ist mir bis heute ein Rätsel geblieben, was ich da wohl falsch mache, wenn ich alles richtig mache.
 
Bekanntermaßen gibt es ja Fernsehköche, die sich sehr erfolgreich peinlichst genau an die vorgegebene Rezeptur halten und alles bis aufs Milligramm genau abwiegen, die vorgegebenen Zeiten auf die Millisekunde genau einhalten und alles gelingt hervorragend. Bei mir ist aber gerade diese Vorgehendweise grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.
 
Nehmen wir doch nur einmal die Vorgabe "1 Ei". Ja, was denn bitte für ein Ei? Ein großes Ei, ein kleines Ei, ein Ei mittlerer Größe? Je nach Größe des Ei's variiert doch die erforderliche Flüssigkeitsmenge. Richtet man sich genau nach der Rezeptvorgabe von zum Beispiel "2 Eier, 250 ml Milch", wird der Teig je nach Größe des Eis entweder zu dünnflüssig oder zu trocken, was bei der weiteren Verarbeitung je nach gewünschtem Endprodukt durchaus hinderlich sein kann.
 
Nun mag es ja sein, daß die Rezepte der Fernsehköche auf einem EU-genormten Standard-Ei (gibt es das?) basieren und sie ausschließlich diese Eier verwenden. Das würde die Sache erklären, denn solche Eier entziehen sich leider meinen Zugriffsmöglichkeiten. Allerdings stellt sich mir da gleich die Frage, wie man den Hühnern beibringt, EU-genormte Standard-Eier für Fernsehköche zu legen. Sind das vielleicht ebenfalls genormte Hühner die speziell für Fernsehköche in eigens dafür errichteten Fernseh-Huhn-Zuchtanstalten gezüchtet und gehalten werden? Damit wäre zumindest ein solches Huhn vor dem Ei dagewesen, denn schließlich muß man erst das genormte Huhn züchten, damit es dann die EU-genormten Standard-Eier legen kann. Aber wie züchtet man ein Huhn ohne Ei, aus dem es schlüpfen kann? Also muß man doch erst ein EU-genormtes Standard-Ei haben, aus dem dann das genormte Huhn schlüpfen kann. Aber wo bekommt man dieses EU-genormte Standard-Ei her, wenn nicht von einem genormten Huhn... Also gut. Das lassen wir mal an dieser Stelle mal einfach so dahingestellt.
 
Als nächstes spielt auch die technische Ausrüstung und Ausstattung der Küche eine entscheidende Rolle. Aus meiner beruflichen Vergangenheit weiß ich nur zu gut, daß es kaum einen Backofen gibt, der die eingestellte Temperatur auch tatsächlich zur Verfügung stellt. Da gibt es je nach Alter des Gerätes Toleranzen von bis zu plus oder minus 20 Grad und mehr. Nutzt also gar nichts, wenn man streng nach Vorgabe zum Beispiel 180 Grad einstellt und der Backofen liefert trotz eingestellter "180 Grad" nur 160 Grad oder aber 200 Grad. Selbst wenn diese Temperaturdifferenz für das Gelingen des gewünschten Endprodukts nur eine untergeordnete Rolle spielt, so beeinflußt sie aber doch entscheidend die erforderliche Garzeit oder Backzeit. Was bringt es also, wenn das Rezept für einen Kuchen 45 Minuten Garzeit bei 180 Grad vorgibt und der Backofen bei eingestellten 180 Grad nur 160 Grad liefert: Der schöne Kuchen wäre nach Ablauf der vorgegebenen Backzeit nicht vollständig durchgebacken. Und im anderen Fall, wenn der Backofen statt 180 Grad dann 200 Grad liefert, wäre das vorzeitige Ende der vorgegebenen Backzeit an der deutlich wahrnehmbaren Änderung des Geruchs und sich verdichtenden Rauchwolken in der Nähe des Backofens zu erkennen.
 
Auch wenn die innovativen Elektroherde, die in den Fernsehküchen zur Verwendung kommen nicht mehr solch gravierende Temperaturtoleranzen haben, beeinflussen dennoch doch weitere Faktoren, wie nicht zuletzt die Qualität der verwendeten Zutaten ganz entscheidend die entsprechenden Mengenverhältnisse und Garzeiten. Da ist es doch unmöglich, daß ein Gericht mit einem pedantisch nachvollzogenen Rezept ohne Berücksichtigung der jeweils aktuellen Eigenschaften der Zutaten zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten gelingen kann. Ich kann mir nun einmal beim besten Willen nicht vorstellen, daß jede einzelne, von den Fernsehköchen verwendete Zutat irgendeiner Norm entspricht. Wobei mir gerade einfällt, daß man zum Beispiel genormtes Gemüse wesentlich einfacher züchten kann als genormte Hühner. Dazu braucht man nämlich kein Ei...
 
Wie schaffen es also diese pedantischen Fernsehköche, daß ihnen jedes Gericht gelingt?
 
Da bietet ja gerade das Fernsehen ungeahnte und fast unbegrenzte Möglichkeiten der Manipulation. Also ist der Höhepunkt einer jeden Kochsendung, namentlich die Verkostung der produzierten Gerichte, eventuell nur mit einem Griff in die Fernseh-Trickkiste zu bewältigen? Vielleicht wird ja, während die Kamera ihren Blick wo anders hin richtet, der Praktikant des Fernsehteams genötigt, das vor laufender Kamera produzierte Gericht gegen eine identische, aber schmackhafte Mahlzeit auszutauschen, welche er mal eben schnell bei einem gastronomischen Betrieb um die Ecke erwerben mußte? Damit wird auf jeden Fall sichergestellt, daß sich bei keinem der Fernseh-Vorkoster eine verräterische Kontraktion der Gesichtsmuskeln einstellt oder ein noch schlimmerer Reflex des Gaumens auftritt, sollte das tatsächlich produzierte Gericht absolut nicht den Erwartungen entsprechen.
 
Und das Beste daran ist: Man kann während der Sendung völlig ungeniert irgend ein undefinierbares Etwas zusammenbacken oder braten oder kochen, denn hinterher muß es ja sowieso kein Mensch (und hoffentlich auch kein Tier...) essen.
 
Vielleicht sollte ich dieses Verfahren in adaptierter Form in meiner Küche ebenfalls anwenden: Immer wenn ich ein neues Rezept ausprobiert habe, schmeiß ich das Ergebnis meiner Produktion in den Müll und geh zum Italiener um die Ecke zum Essen...
 

 

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