Ansichten eines Unverbesserlichen

Nichtraucher

Noch rauche ich. Aber heute soll es definitiv und endgültig passieren: Ich muß, will und werde aufhören. Wie oft habe ich mir das schon vorgenommen und nicht ausgeführt. Und immer wieder eine Rechtfertigung dafür gefunden, warum ich nun doch noch nicht aufhöre.
 
Okay. Die letzte Zigarette. Mein Tabak ist endlich alle. Aber Hülsen und Blättchen habe ich noch reichlich. Das birgt schon die erste Rückfallgefahr. Soll ich sie ungenutzt vernichten? Eigentlich zu schade. Aber es könnte mich dazu verleiten doch noch mal Tabak zu kaufen und weiter zu rauchen, bis Hülsen und Blättchen alle sind. Und was mache ich, wenn dann noch Tabak übrig ist? Noch mal Hülsen oder Blättchen kaufen, bis der Tabak alle ist? Ein Teufelskreis!
 
Also gut. Ich werde zumindest erst einmal alles außer Sichtweite bringen. Auch den Aschenbecher. Und jetzt ordentlich durchlüften.
 
Prima. Ich hab’s geschafft. Ich rauche nicht mehr. Bin richtig stolz auf mich. Was bin ich doch für ein toller Kerl -und dabei ist mein Finger noch warm vom Ausdrücken der letzten Zigarette. Doch der Jubel ist schnell verflogen. Schon quälen mich die ersten Gedanken: Wie lange wird es dauern, bis das Verlangen stärker wird als die Vernunft. Wie wird sich das äußern? Werde ich anfangen zu zittern? Wird vielleicht meine Lunge protestieren? Und wenn ja, in welcher Form? Doch nicht etwa mit undefinierbaren Schmerzen? Was werde ich dann tun? Etwa so wie in finanziellen Notsituationen die letzten Tabakkrümel zusammenfegen oder den Tabak aus den letzten Kippen noch mal zu einer neuen Zigarette zusammenfügen? Oder etwa resigniert zur Tankstelle laufen und ein neues Päckchen Tabak holen? Schließlich sind ja noch Hülsen und Blättchen da…
 
Nein! Diesmal bleibe ich stark. Als erstes verschaffe ich mir mal Ablenkung, damit ich auf andere Gedanken komme. Doch das funktioniert nicht. Peinlich genau achte ich auf jede Veränderung meines Körpers. Hat sich da nicht gerade mein Atemrhytmus verändert? Sind meine Atemzüge nicht kürzer geworden? Und was hat dieses seltsame Stechen in der Brust zu bedeuten? Nein. Kein Stechen. Es ist eher ein Druckgefühl. Oder sticht es doch? Oder beides? Was ist mit meinem Rachen? Es fühlt sich an, als ob er langsam anschwillt. Oh mein Gott! Werde ich jetzt vielleicht ersticken, weil der Zigarettenqualm die ganze Zeit meinen Rachen irgendwie offen gehalten hat?
 
Ein Blick auf die Uhr sagt mir, daß ich vor genau 11 Minuten die letzte Zigarette ausgedrückt habe…
 
Puh! War wohl alles nur Einbildung. Schließlich habe ich schon oft genug länger als 11 Minuten ohne Zigarette überlebt. Vielleicht sollte ich jetzt erst einmal spazieren gehen. Mindestens eine Stunde. Der jahrelang geschundenen Lunge ausgiebig Frischluft spendieren. Doch halt! Kann das nicht gefährlich werden, wenn die Lunge so plötzlich zu viel frische Luft abbekommt? Muß sie nicht langsam daran gewöhnt werden? Es reicht doch daß ich das Fenster gekippt habe. Zusammen mit dem Restrauch der hier noch überall an der Einrichtung klebt ist das doch die perfekte Mischung zum Abgewöhnen. Großer Gott, nein! Die Einrichtung! Wie kriege ich bloß die ganzen Rauchrückstände da raus. Irgendwann, in nicht all zu ferner Zukunft werden mir diese Reste bestimmt unangenehm auffallen. Ich werde es mit Sicherheit als bestialischen Gestank empfinden.
 
14 Minuten. Warum schaue ich so oft auf die Uhr?
 
Sollte ich mir nicht doch noch ein Päckchen Tabak holen? Nur so zur Sicherheit. Falls die Entzugserscheinungen lebensbedrohlich werden. In diesem Fall werde ich wohl kaum noch die Kraft haben, ein Päckchen Tabak zu besorgen. Das Risiko kann ich nicht eingehen. Ich sehe mich schon wie einen verdurstenden in der Wüste auf allen Vieren zur Tankstelle kriechen und nach einem Päckchen Tabak winseln. Was für eine Blamage!
 
Jetzt habe ich es aber genau gespürt! Es pocht in meiner Lunge! Ist das vielleicht der Teer, der jetzt von den Lungenwänden abbröckelt? Geht das so schnell? Wie kommen diese Brocken dann raus aus der Lunge? Raushusten? Die werden doch wohl nicht scharfkantig sein und beim Raushusten den Rachen verletzen?
 
Ab sofort werde ich mir beim Husten ein Taschentuch vor den Mund halten. Nicht das ich mit den Teerbrocken irgendwas kaputt huste wenn die unkontrolliert in der Gegend rumfliegen. Dazu nehme ich aber am Besten ein stabiles Stofftaschentuch. Ein Papiertaschentuch könnte reißen und dann würden die scharfkantigen Teerbrocken meine Hand verletzen. Warum werde ich jetzt nervös? Aha! Meine Hände fangen an zu zittern. Und was kommt als nächstes? Schweißausbrüche? Atemlähmung?
 
18 Minuten...
 
Jetzt muß ich mir aber Tabak holen, so lange ich noch dazu in der Lage bin. Ich glaube ich spüre schon wie der Geist des Lebens sich langsam von mir verabschiedet. Das kann ich nicht zulassen! Dann lieber qualvoll an Lungenkrebs sterben als jetzt schon jämmerlich zu verenden.
 
Pah! Alles Blödsinn. Da wäre ich doch tatsächlich der Erste, der auf dem Wege zum Nichtraucher sein Leben läßt. Oder hat es da vielleicht doch schon Fälle gegeben…? Ganz bestimmt! Natürlich stehen diese Fälle unter strengster Geheimhaltung der jeweiligen Gesundheitsministerien. Abgeschottet von den Geheimdiensten um die weltweite Nichtraucher-Revolution nicht zu gefährden. Auch die globale Erderwärmung könnte ein Grund für die Geheimhaltung sein. Je weniger Glimmstengel glimmen, desto kühler wird’s doch. Also gut. Es bleibt dabei: Unter Einsatz meines Lebens werde ich verhindern, daß die Polkappen und die Berggletscher weiter abschmelzen. Nie wieder wird eine Zigarette von mir die Erde erwärmen. Ich bin ein Held!
 
Donnerwetter: 23 Minuten! Ob die Erde jetzt schon kühler geworden ist?
 
Ach was soll’s. Laß doch die Gletscher schmelzen. Ich wohne so hoch daß mich das Wasser nie erreichen wird. Aber bevor das Wasser kommt geh ich noch Tabak kaufen. Das ist aber dann ganz bestimmt das letzte Päckchen…
 

 

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