Ansichten eines Unverbesserlichen

Die Zeit

Zeit ist für mich relativ. Nur in etwas anderem Sinne als die relative Zeit des Herrn Einstein. Soll heißen, daß mich statische, also absolute Zeitangaben nicht im geringsten interessieren.
 
Im krassen Gegensatz dazu steht nur eine Unart von mir: Ich kenne zwar das absolute Datum meiner Geburt, muß aber immer wieder erst nachrechnen, wenn ich nach meinem Alter gefragt werde. Also nach der relativen Zeit innerhalb derer ich mein jeweiliges Umfeld seit meiner Geburt mit meiner Anwesenheit bisher mehr oder weniger beglückt habe. Wozu muß ich denn auch wissen wie alt ich bin? Wir werden irgendwann geboren und irgendwann ist dann auch wieder Schluß mit unserem Dasein. Und die Zeit dazwischen sollten wir irgendwie, entsprechend unserer physischen Konstitution und psychischen Flexibilität sinnvoll ausfüllen. Unabhängig vom tatsächlichen "Alter".
 
Mich hat schon in der Schule fürchterlich genervt, daß wir Tausende von Terminen, also absolute Zeitangaben, im Kopf haben sollten. Wozu bitte muß denn ein normaler Mensch wissen, wann genau der Herr Napoleon nach Elba ging. Oder von wann bis wann genau der zweite Weltkrieg stattgefunden hat. Möglichst noch mit Uhrzeit ("...seit soundsoviel Uhr wird zurückgeschossen…!"). Das ist doch alles Vergangenheit. Und die kann sowieso kein Mensch mehr ändern. Wichtig ist nur, daß man aus vergangenen Ereignissen, insbesondere aus den vergangenen Ereignissen im persönlichen Umfeld, seine Schlüsse zieht und Erfahrungen sammelt. Es ist doch vergleichsweise völlig unerheblich, daß ich als Kind an einem ganz bestimmten Tag zu einer ganz bestimmten Uhrzeit mit dem Fahrrad auf die Schnauze gefallen bin. Diesen Termin muß ich mir nicht merken. Wichtig ist nur, daß ich auf die Schnauze gefallen bin und daß ich daraus gelernt habe, wie man ein solches Gerät beherrscht.
 
Und genau deshalb muß man auch nicht wissen, seit wann genau zurückgeschossen wurde. Man sollte aber auf jeden Fall daraus lernen, daß man nicht zurückschießt. Egal um welche Uhrzeit.
 
Die absolute Zeit ist ohnehin völlig bedeutungslos für den Lauf aller Dinge. Einzig relevant ist die Dauer bestimmter Ereignisse. Eben die relative Zeit:
 
Ein 4-Minuten-Ei braucht nun mal 4 Minuten. Unabhängig davon, wann genau zu welcher Uhrzeit der Garvorgang begonnen hat. Deshalb ist auch auf einer Eieruhr nur eine relative Zeitangabe zu finden. Wäre ja auch Blödsinn, wenn man auf der Eieruhr die absolute Start- und Endzeit des Garvorgangs in Form von zum Beispiel "Start: 18 Uhr, 23 Minuten und 40 Sekunden" und "Ende: 18 Uhr 27 Minuten und 40 Sekunden" einstellen müßte. Da würde kein Mensch eine Eieruhr benutzen und es gäbe keine 4-Minuten-Eier. Nur "circa-4-Minuten-Eier", die, weil ja unser relatives Zeitempfinden diversen inneren und äußeren Einflüssen unterliegt, immer zu hart oder zu weich gekocht wären und nur durch Zufall mal die gewünschte Konsistenz hätten.
 
Wie differenziert unser relatives Zeitempfinden eine Situation beurteilen kann kennen wir ja alle aus eigener Erfahrung: Wenn man mit einem dringenden Bedürfnis vor einer verschlossenen Toilettentür zwei Minuten warten muß, sind diese zwei Minuten relativ lang. Dagegen sind zwei Wochen Urlaub relativ kurz.
 
Und haben wir nicht alle als Kinder die Tage bis Weihnachten gezählt? Also eine relative Zeit systematisch dekrementiert? Daß dieses Ereignis aus welchen Gründen auch immer nun absolut am 24. Dezember stattfindet, hat uns doch überhaupt nicht interessiert. Wichtig waren nur die Tage, die immer weniger wurden. Allerdings hat uns da unser relatives Zeitempfinden auch wieder einen Streich gespielt: Mit jedem Tag weniger kamen uns die folgenden Tage immer länger vor.
 
Im Übrigen hasse ich es auch, wenn ein Tag minutiös durchorganisiert ist und alles streng nach einem vorgegeben Zeitplan ablaufen muß. Deshalb weigere ich mich auch strikt, irgendwo pünktlich zu erscheinen -außer wenn es mit erheblichen Nachteilen für mich verbunden wäre. Mein Tagesablauf richtet sich nach den tatsächlichen Gegebenheiten. Und nicht nach der Uhrzeit. Da kann es durchaus vorkommen, daß mein Tag auch mal 36 Stunden oder mehr hat. Oder auch mal nur 14 Stunden. Je nach Bedarf. Ich gehe zu Bett wenn ich müde bin und esse wenn ich Hunger habe. Und nicht weil mich irgendeine Terminvorgabe dazu zwingt.
 
Warum bitte soll ich meine Arbeitspausen peinlichst genau einhalten und meinem Magen Nahrung aufzwingen, die er zu diesem Zeitpunkt gar nicht erwartet. Vielleicht ist er ja gerade mit anderen Dingen beschäftigt und die neue Nahrung kommt ihm äußerst ungelegen. Da muß der Magen doch rebellieren. Genau daher kommt auch die Volkskrankheit Magengeschwür oder zumindest der "nervöse Reizmagen". Was immer das auch sein mag. Und Schuld daran sind nur die Arbeitgeber. Sie befürchten den Zusammenbruch ihrer Diktatur und den Verlust ihrer Autorität, wenn sie nicht mehr kontrollieren können wer, wann, wie oft, wie lange Pause macht, wenn jeder Arbeitnehmer seine Mahlzeiten genau dann einnimmt, wenn sie von seinem Magen auch erwartet werden. Deshalb haben sie ein Reglement erlassen, welches genaue Pausenzeiten und deren Einhaltung vorschreibt. Ohne Rücksicht auf die dadurch völlig verwirrten Mägen der Mitarbeiter.
 
Und im Nachhinein wird dann noch rumgemault, wenn ein Mitarbeiter wegen einem Magengeschwür für längere Zeit ausfällt...
 

 

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